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Die Kunst des Lesens


Wenn wir ein gutes Buch oder einen Artikel, mit dem uns der Schreiber etwas vermitteln will, richtig lesen wollen, bedeutet das, etwas daraus zu lernen.
Das setzt voraus, daß wir den Inhalt des Textes nicht nur oberflächlich lesen und, wie das oft so üblich ist, nur überfliegen, sondern dass wir die Gedanken des Autors quasi zu unseren eigenen Gedanken machen. Dies wiederum ist nur möglich, wenn wir die Bedeutung der einzelnen Worte und Sätze in ihrer Bedeutung überdenken und durch unsere Vorstellungskraft in uns bildlich zum Leben erwecken. Dies gelingt nur dann, wenn wir den "toten" Text durch unser aktives, konstruktives Lesen auf die Art und Weise auf uns wirken lassen, dass wir uns mit der Denk- und Fühlweise des Schreibenden identifizieren, also uns in das hineinversetzen, was er aus seiner Sichtweise uns sagen will.
Das Gelesene muss also in gewissem Masse in unsere Persönlichkeit, unser Leben, unsere Gefühls- und Gedankenwelt hineinfliessen und ein Teil unseres eigenen Denkens werden, wenn wir es richtig verstehen wollen.
Goethe soll dazu einmal gesagt haben: „Ich habe 70 Jahre meines Lebens gebraucht, um Lesen zu lernen."
Nehmen wir als Beispiel die Worte, mit denen die Geisteslehre den Begriff der Liebe beschreibt: „Liebe ist die absolute Gewissheit dessen, selbst in allem mitzuleben und mitzuexistieren, so in allem Existenten: In Fauna und Flora, im Mitmenschen, in jeglicher materiellen und geistigen Lebensform gleich welcher Art, und im Bestehen des gesamten Universums und darüber hinaus."


Erst wenn wir diesen Text ganz bewusst lesen und uns jeden Begriff in seinem Sinnzusammenhang klarmachen, können wir verstehen, was gemeint ist. Dabei hängen der Grad und die Tiefe des Verstehens auch von unserer eigenen Erfahrung, dem bisher Erlebten und Gelernten, also dem individuellen Evolutionsstand ab. Wenn jemand noch nie über den Begriff der Liebe nachgedacht hat, oder selbst noch keine Liebe in seinem Leben erfahren hat, fällt es ihm naturgemäss schwerer, sich den Begriff der Liebe bewusst zu machen als jemandem, der diese Kraft in sich aufgebaut und gespürt hat.


Die Voraussetzung für das richtige Lesen in diesem Sinne ist immer ein gewisses Mass an Musse und Stille, um einen Text wie diesen richtig aufnehmen und auch in die Tiefe des Bewusstseins und Gemütes eindringen zu lassen, wo er dann seine Wirkung entfaltet.
Noch besser kann er dann in der Meditation vertieft werden und sich durch richtiges Betrachten in uns ausbreiten.


(Veröffentlicht in "Stimme der Wassermannzeit" Nr. 124 vom September 2002)