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Nichteinmischung


Durch eine Folge der Science-fiction-Serie „Enterprise" mit dem Titel „Cogenitor" wurde mir im August 2005 als Fernsehzuschauer drastisch vor Augen geführt, welch negative Folgen die ungefragte Einmischung in fremde Angelegenheiten bewirken kann, auch wenn - oder vielleicht gerade weil - die Intervention in den Augen des Sich-Einmischenden „gut gemeint" war. In der Episode kam es zu einem Erstkontakt mit fremden Raumfahrern, die einer den Erdenmenschen des Raumschiffes „Enterprise" bisher unbekannten Zivilisation angehörten. Ein ranghoher Offizier der „Enterprise" glaubte unmittelbar nach dem ersten Kontakt, er müsse einem in seinen Augen benachteiligten Mitglied der fremden Zivilisation, das auf dem fremden Raumschiff mitreiste und eine spezielle gesellschaftliche Stellung innehatte, persönliche Entwicklungshilfe leisten. Er zeigte ihm in der Folge ungefragt verschiedene Möglichkeiten zu seiner persönlichen Emanzipation aus „gesellschaftlichen Zwängen" sowie zur Entfaltung noch unentwickelter Fähigkeiten auf. Die Episode in allen Einzelheiten zu schildern, würde hier zu weit führen. Sie endete letzten Endes jedoch tragischerweise damit, dass die Einmischung in die Angelegenheiten des fremden Menschen und damit in die fremde Gesellschaft den nichtirdischen Menschen derart aufwühlte, dass er um Asyl auf der „Enterprise" bat, was deren Kapitän allerdings ablehnte. Diese Entscheidung löste in der Psyche des Extraterrestriers einen ihm unlösbar erscheinenden Gewissenskonflikt aus, aus dem er keinen Ausweg mehr sah, worauf er sich selbst das Leben nahm.
Dem „helfenden" Offizier der „Enterprise" war trotz langjähriger Ausbildung und der geltenden obersten Direktive der Nichteinmischung in fremde Kulturen bei Erstkontakten die Tragweite seiner Einmischungshandlungen nicht bewusst. Stattdessen sah er sich während seines Tuns im Recht und in der moralischen Pflicht, dem seiner Meinung nach benachteiligten Angehörigen der fremden Rasse zu seiner „persönlichen Befreiung" zu verhelfen. Erst als er vom Selbstmord seines „Schützlings" erfuhr und der Kapitän der „Enterprise" ihm eine Standpauke halten musste, wurden ihm die tragischen Folgen seiner Handlungsweise und seine Schuld bewusst.


Doch so weit wie die „Enterprise" müssen wir in unserer Vorstellung gar nicht reisen, um uns daran zu erinnern, ob und wie oft wir selbst im Verlaufe unseres Leben aus vermeintlich guten Motiven jemandem ungefragt „helfen" wollten oder uns in die ureigene, intime Angelegenheit eines anderen Menschen einmischten, wobei wir der Annahme waren, es ginge uns etwas an und wir hätten das Recht und die menschliche Kompetenz, zu intervenieren. Auch mir ist das schon das eine oder andere Mal passiert, und im nachhinein bereute ich oftmals mein unbeherrschtes und vorschnelles Tun, wobei ich mir eingestehen musste, dass die Motive zu meinem fehlerhaften Tun aus der irrigen Absicht entsprangen, einen Mitmenschen belehren zu wollen, ihm seine Fehler aufzeigen und sein „Fehlverhalten" anprangern zu wollen. In den schlimmsten Fällen entwickelten sich daraus ein Streitgespräch und ein Sturm der Emotionen, die in einem gegenseitigen Beschimpfen und Beschuldigen zwischen mir und dem Kontrahenten ihren traurigen Höhepunkt fanden. Was hatte ich nun davon und was lehrten mich diese Begebenheiten?
Meine erste Lehre daraus war die Erkenntis, dass auch in mir noch viele Emotionen schlummern, die jederzeit unkontrolliert ausbrechen können, wenn ich nicht ständig auf der Hut davor bin, ihre Eruptionen zu verhindern oder soweit abzuschwächen, dass sie nicht zu unüberlegten Worten und Handlungen führen, die einen Mitmenschen verletzten können und, ihn harmend, in seine ureigene Persönlichkeitssphäre eindringen. Würde ich nicht selbst empfindlich und gereizt reagieren, wenn sich jemand ungefragt und anklagend in meine privaten Dinge einmischte?
Die zweite Lehre entwickelte sich in mir folgedessen dahin, dass das Üben der Neutralität nicht nur in der täglichen Meditation, sondern auch in den verschiedensten und vielfältigen Situationen des Alltags sehr wichtig ist, um die tiefsitzende egoistische Gewohnheit des Sich-Einmischen-Wollens zu kontrollieren, aus der allzu leicht aus einer aufgewühlten Psyche heraus ein rechthaberisches, aggressives und zerstörerisches Verhalten entstehen kann.
Die dritte Lektion schliesslich fand ich darin, dass der wirkliche Frieden in Tat und Wahrheit im eigenen Selbst, in der eigenen Persönlichkeit, in den scheinbar kleinen Dingen der eigenen Psyche und des Bewusstseins beginnen muss, wenn er nicht nur eine leere Worthülse bleiben soll. Wie will ich zum Frieden in der Welt beitragen, wenn ich den Frieden nicht zuerst in mir selbst und in meiner unmittelbaren Umgebung meiner Mitmenschen erschaffen resp. erhalten kann?


Eine vierte Lektion stieg in mir durch die Erkenntis hoch, dass es noch ein weiter Weg ist zum wahren Menschsein und es keinen Grund gibt, sich über andere Menschen erhaben zu fühlen oder sich für besser, höher evolutioniert oder gescheiter zu halten, denn vor der eigenen Haustüre findet sich genügend „Dreck", den es wegzukehren gilt.
Schliesslich, doch nicht zuletzt, fiel mir Billys wunderbarer Text „Und es sei FRIEDEN auf Erden ..." ein, worin es an einer Stelle heisst: „Begierde und Zorn nämlich, wie alle Formen der Ausartung, sind ursächliche Gründe für Niederlagen, so nicht der Hitzköpfige einen wahrlichen Sieg erringt, sondern der Nüchterne und Zurückhaltende, der Ruhige und Gleichmütige, der sich weder von Hass und Rache noch von Ehrgeiz und Machtgier usw. leiten lässt. In wahrer Unberührtheit von emotionalen Einflüssen zu handeln, ist die wahre Strategie der Verteidigung, weil durch diese die Klarheit der Gedanken und Gefühle und die Menschlichkeit ebenso bewahrt wird wie auch das klare Handeln, wodurch keine Ausartungen irgendwelcher Art in Erscheinung treten."
Und einige Sätze weiter im Text sagt er uns: „Will der Mensch Frieden auf der Erde schaffen, dann muss der einzelne bei sich selbst beginnen und den Weg seiner eigenen inneren Läuterung gehen, seine Emotionen, Gedanken und Gefühle sowie all seine Probleme von Hass, Rachsucht, Fanatismus, Sektierismus, Religionen, Macht- und Herrschsucht, Angst, Feigheit, Laster und Gier sowie Krieg und Terror, Mord, Folter, Todesstrafe und Profitdenken usw. bekämpfen, sie auflösen und endgültig zum Verschwinden bringen, um der wahren Liebe und Harmonie sowie dem Frieden und der Freiheit den ihnen gebührenden Platz einzuräumen."


(Veröffentlicht in "Stimme der Wassermannzeit" Nr. 147 vom Juni 2008)