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Phantasie und Wirklichkeit


Als ich in Gedanken ein Vogel war,
berauschte mich der Drang,
durch die Luft zu jagen.
Gebunden an die Erde zwar,
doch frei von jedem Zwang,
liess ich mich vom Winde tragen.


Als ich in Gedanken als Fisch lebte,
versank ich in der Gier,
durch das Meer zu tauchen.
Je tiefer ich zum Grunde strebte,
desto stiller wurde es in mir,
und ich sah die Welt verrauchen.


Als ich in Gedanken als Maulwurf kroch,
erzittert' ich in dem Verlangen,
durchs Erdreich mich zu wühlen.
Ich grub Höhlen, Loch um Loch,
die immer weiter einwärts drangen,
und kam zu keinem Ende doch.


Als ich in Gedanken als Motte flog,
brannte ich in Sehnsucht heiss,
im Feuer zu verglühen.
Und da sein Schein nicht trog,
weil es von der Kraft der Wandlung weiss,
macht' es mich aus Asche neu erblühen.


Jetzt, durch meine Gedanken gereift,
steh' ich auf zwei Beinen,
hab' die Kreaturen abgestreift,
kein Tod bringt mich zum Weinen.
Ich welch' Gestalt ich immer
durch die Welten schweife,
kann's nicht mehr erschrecken mich,
wenn ein abgewetzt' Gewand
ich von mir streife.


(Veröffentlicht in "Stimme der Wassermannzeit" Nr. 120 vom September 2001)